Jul 1, 2007

Mein Manifest? Eine Bilanz

Kunst ist die Kunst, sich so weit wie möglich dem Abgrund zu nähern, neue Wege zu finden, die zu neuen Abgründen führen.
Kunst sollte viele Schichten haben. Nur die oberste ist zu sehen, aber sie ist so beschaffen, dass sie weitere Schichten erahnen lässt. Das Sehen und die Ahnung können im besten Fall Aufregung hervorrufen, einen schärferen Blick, eine wilde Freude. Kunst könnte sich zurücknehmen und eher nicht zeigen, hermetisch wirken, und plötzlich aufscheinen. Kunst könnte sein wie eine unentdeckte Tropfsteinhöhle. Man spürt sie wie den warmen Luftzug, der durch eine Felsspalte weht.
Kunst ist nicht von hier. Kunst mag zwar so aussehen, tatsächlich folgt sie aber eigenen Regeln und Kriterien. Manchmal sieht Kunst auch nicht einmal so aus, als wäre sie von hier. Aber wer weiß schon, wie es hier aussieht. Fernand Léger schreibt 1915 von der Front: »Allen diesen Dummköpfen, die sich fragen, ob ich noch Kubist bin oder sein werde, wenn ich zurückkomme, kannst du sagen: ja, mehr denn je. Denn etwas Kubistischeres als einen Krieg wie diesen gibt es nicht, wo ein Mann mehr oder weniger akkurat in mehrere Stücke zerfetzt und in die vier Himmelsrichtungen geschleudert wird.«
Kunst sollte unmittelbar sein und auf Sentimentalität verzichten; man muss sich alles ganz genau und kühl bis zu Ende ansehen.
Kunst könnte mit einfachen Mitteln eine maximale Wirkung erreichen, in diesem Sinn effizient, nüchtern sein.
Dass der Weg der Kunst aus der Subjektivität heraus führen muss, dass Kunst sich versachlichen muss, ist eine reizvolle, aber papierne Forderung. Kunst braucht immer die Vorstellung eines Subjekts, denn zur Welt der Dinge überlaufen kann sich nicht.
Kunst stellt Weltbilder her, gewollte, ungewollte. Zur Entzauberung der Welt trägt Kunst nicht bei. Offenbar kann keine menschliche Tätigkeit die Welt entzaubern.
Kunst darf ideologisch sein, eine Auffassung vom Menschen, ein Ideal, eine Tiefe vertreten. Sie darf sogar versuchen, die Umwelt von diesen zu überzeugen. Vielleicht ist ein großes Kunstwerk unbedingt ideologisch?
Kunst sollte sich nicht aufspalten in Kategorien wie Bild, Literatur, Musik; aber auch nicht die Illusion des Universalgelehrtentums aufrecht erhalten.
Kunst muss zeigen, dass sie erdacht wurde, sonst verfällt sie in ärgerliche Binsenweisheiten; Kunst soll erheben und nicht erniedrigen.
Kunst sollte nicht nur rational sein. Intelligent schon, aber Intelligenz als Vernunft und Intuition, als Phantasie, Erfahrung, Gefühl. Kunst ist menschlich und heilig.
Kunst liebt Widersprüche.
Kunst ist verzweifelt.
Kunst soll kämpfen.
Kunst als einzige Antwort auf den Tod.
Kunst als feine Gratwanderung.
Kunst als phantastisch-plastische Umsetzung genialer Analogien.
Ein Künstler muss in derselben Verfassung an sein Werk gehen, in der der Verbrecher seine Tat begeht, sagt Thomas Mann.
Kunst sollte kühn sein und nicht den leichten Weg wählen, denn der leichte Weg führt nicht zum Abgrund. Sie sollte sich dennoch großer Leichtigkeit erfreuen, auf Libellenflügeln dahin gleiten und kurz, nicht bedeutungsschwanger, nicht moralisierend, am Abgrund verharren. Das ist die Brillanz, um die sich Kunst nicht bringen darf.